Sagt ihr «Bitte» und «Danke», wenn ihr mit ChatGPT & Co. arbeitet? Ich verzichte bewusst darauf, denn Höflichkeit ist eine Tugend, die Respekt vor dem Gegenüber ausdrückt. Ein Stück Software ist für mich kein Gegenüber und ich will keine Beziehung aufbauen.
Natürlich verstehe ich, wenn Menschen «höflich» gegenüber ChatGPT & Co. sind. Wir sind soziale Wesen! Und der «menschenähnliche Dialog» mit solchen KI-Tools ist relativ neu. Da liegt es nahe, sich so zu verhalten, wie wir es gegenüber Menschen tun. Aus Gewohnheit?
Doch Höflichkeit ist eine Beziehungskategorie. Es gibt für mich deshalb keinen Grund, gegenüber einer Maschine höflich zu sein.
🔎 Die Ergebnisse werden nicht besser. Ein guter Prompt enthält alle relevanten Informationen. Was nicht nötig ist, braucht unnötige Rechenkapazität.
🔎 Wir sind nicht unhöflich, wenn wir auf Füllwörter und Floskeln verzichten. Ich fokussiere mich schlicht auf das Wesentliche, wenn ich sage, was ich benötige.
🔎 Soziale Normen wie Höflichkeit sind wichtig im Umgang mit Menschen. Wir nehmen zum Beispiel Rücksicht auf andere Perspektiven, möchten die Gefühle des Gegenübers nicht verletzen oder nicht mit der Türe ins Haus fallen.
🔎 Das sind alles Kategorien, die bei einer Maschine nichts zu suchen haben. Wenn wir sie auf eine Maschine anwenden, dann vermenschlichen wir sie, auch wenn wir das nicht wollen. Wir behandeln sie wie ein menschliches Gegenüber, was gefährlich ist.
🔎 Bereits ohne unser Zutun sorgen KI-Anbieter dafür, dass ChatGPT & Co. menschenähnlich mit uns interagieren. Denkt zum Beispiel an das Tempo der Antworten, an Hinweise wie «ich denke nach», Emojis, simulierte Hilfsbereitschaft oder die schmeichelhafte Sprache.
💁♀️ Diese Vermenschlichung begünstigt zum Beispiel, dass wir dem Ergebnis zu stark vertrauen oder dem System zu viele Informationen anvertrauen. Deshalb plädiere ich dafür, bewusst eine Grenze zu ziehen und soziale Konventionen wie Höflichkeit nicht auf Maschinen zu übertragen.
💁♀️ Und weil ich gegenüber der Maschine nicht «unhöflich» bin, sehe ich auch keine Gefahr, dass dies negative Effekte auf menschliche Beziehungen haben könnte. Bereits heute passen wir unsere Kommunikation dem Kontext an.
Fun Fact: Vor ein paar Wochen hat mich das KI-Tool Claude plötzlich begonnen zu Sietzen. Das hat mich spontan gestört, als ob die Interaktion unpersönlicher, distanzierter wäre als früher. Genau hier habe ich gemerkt, wie schnell diese unerwünschte Vermenschlichung stattfindet. Seither geniesse ich es sehr, dass mir Claude «Sie» sagt. 😉
Vielleicht motiviert euch dieser Post oder das Streitgespräch mit Sarah Genner im Podcast DIETHELM & GENNER, Bitte und Danke für menschliche Beziehungen zu reservieren?
Anlass für diesen Post auf LinkedIn ist die neuste Podcast-Episode ««Höflich mit KI? Ein Streitgespräch».