Der Think Tank für Digitale Ethik

Marcel Salathé widerspricht Weltuntergangsszenarien

Marcel Salathé ist Co-Direktor des EPFL AI Center. Er hält die Aussage, KI könne uns Menschen schon bald auslöschen, für völlig übertrieben. Ich finde es auch unverantwortlich, was gerade passiert.

Statt fragwürdigen und interessengeleiteten Weltuntergangs-Szenarien aufzusitzen, sollten wir Menschen befähigen, KI zu verstehen und am richtigen Ort einzusetzen. Das war gerade gestern die Botschaft meiner Keynote mit anschliessender Breakout Session.

👉🏼 In den letzten Jahren hatten wir die Schlagzeile vom grossen Job-Abbau. Die KI-Branche hat davon profitiert und für viele Unternehmen, die Mitarbeitenden entlassen haben, war KI der willkommene Sündenbock. Denn plausibel ist das im Realitäts-Check nicht.

👉🏼 Nun dominiert die Schlagzeile von der vermeintlich autonomen KI, bewusst vermenschlicht durch Begriffe wie KI-Agent. Solche Systeme sollen uns intellektuell nicht nur überflügeln, sondern ganz auslöscht. Wie plausibel ist das? Vergessen wir nicht: KI-Systeme sind von A bis Z ein menschliches Produkt. Sie verfolgen keine eigenen Ziele.

👉🏼 Wir unterschätzen, dass handfeste Interessen hinter den Aussagen von KI-Chefs wie Dario Amodei, Sam Altman & Co. stecken. Wenige Akteure prägen die Schlagzeilen und damit die Wahrnehmung von ganz vielen Menschen. Diese Wahrnehmung ist stark verzerrt und spekulativ. Das erlebe ich in meiner Arbeit täglich.

👉🏼 Wer profitiert vom aktuellen KI-Hype? Wer steht an der Spitze des KI-Wettrüstens? Die Antwort ist einfach: Amodei, Altman & Co. Zum Glück gibt es viele andere, auch unabhängige Stimmen in der KI-Branche, die es anders sehen als Amodei, Altman & Co. Leider nehmen wir sie deutlich weniger war. Aber sie sind da!

👉🏼 Regularien im Sinne von Spielregeln können sinnvoll sein. Das sind aber gesellschaftliche, demokratisch legitimierte Entscheidungen. Es sollte uns stutzig machen, wenn OpenAI und Co. uns sagen, was wir regulieren sollen (und was nicht). Ihre Ideen können dazu führen, dass die bereits bestehende Machtkonzentration abgesichert wird. Unliebsame Konkurrenz, z.B. Open Source Lösungen oder kleine Akteure, werden frühzeitig ausgeschaltet.

👩‍🚒 Ich würde mir wünschen, dass Medien die Aussagen mächtiger KI-Chefs nicht einfach weiter verbreiten, sondern plausibilisieren und in den Kontext stellen. Guter Journalismus gerade jetzt sooo wichtig. Und natürlich müssen auch wir die Schlagzeilen kritisch hinterfragen, statt sie einfach zu glauben.

👩‍🚒 Vor allem aber sollten wir einen kühlen Kopf bewahren und uns mit den realistischen Chancen und Risiken von KI-System intensiv auseinandersetzen. Empörungswellen und Science Fiction Geschichten bringen uns nicht weiter.

Übrigens: Wer sich mit KI aus einer ganzheitlichen Sicht und mit Blick auf den verantwortungsvollen Einsatz von KI auseinandersetzen möchte: Bereits im Februar 2027 legen wir wieder los mit der nächsten Klasse des CAS Digital Ethics an der HWZ. 🎉

Hinweis: Anlass für diesen Post auf LinkedIn war das Interview von Marcel Salathé im Tages-Anzeiger vom 16. September 2026. Sein Buch «Kompass Künstliche Intelligenz. Ein Reiseführer durch eine Welt in verrückten Zeiten.» war während mehreren Wochen auf der Bestsellerliste.

Foto: Marcel Salathé