Der Think Tank für Digitale Ethik

Stellenabbau auf Vorrat?

«Wir sollten uns nicht sorgen, dass KI uns die Jobs klaut, sondern dass ein KI-Vertreter die Chefs davon überzeugt, uns durch KI zu ersetzen, die unsere Jobs nicht machen kann.» Wie wahr! Cory Doctorow bringt das eigentliche Problem sehr gut auf den Punkt.

Ich finde es brandgefährlich, wenn Unternehmen KI als Grund für einen Stellenabbau nutzen. Gerade weil der Zusammenhang kaum plausibel ist.

🔎 Zum Beispiel verhängte der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna 2023 einen Einstellungsstopp mit der Begründung, KI werde künftig bis zu 1000 Mitarbeitende weniger erfordern. Im Jahr 2025 muss der Gründer von Klarna eingestehen, das Potenzial von KI überschätzt zu haben.

«Fun Fact»: Klarna hatte bereits anderthalb Jahre zuvor 700 Stellen abgebaut und ohne Hinweis auf KI. Die Vermutung liegt also nahe, dass Überkapazitäten abgebaut bzw. ein Strategiewechsel umgesetzt wurde, auch mit Blick auf den geplanten Börsengang (der Ende 2025 stattfand).

🔎 Klarna ist leider kein Einzelfall. Die Betriebswirtschafter Thomas H. Davenport und Laks Srinivasan untersuchten kürzlich die Personalpolitik von Unternehmen weltweit. Ihr Befund: Viele Unternehmen entlassen Mitarbeitende nicht, weil KI ihre Tätigkeiten übernehmen kann, sondern weil sie dieses Potenzial in Zukunft erwarten. Eine messbare Steigerung der Produktivität in diesen Unternehmen war bisher kaum nachweisbar.

Es sind also keine technologischen Gründe, die einen grösseren Stellenabbau begründen. KI liefert einfach eine willkommene Ausrede für unternehmerische Entscheidungen.

🔎 KI-Anbieter wie OpenAI profitieren ebenfalls von dieser Ausrede. Denn wer behauptet, KI vernichte Stellen im grossen Stil, macht unbeabsichtigt Werbung für die Leistungsfähigkeit von KI. Die Botschaft «KI ist so mächtig, dass sie Jobs überflüssig macht!» bedient beide: Unternehmen, die ihre Verantwortung abwälzen wollen, und Anbieter, die Stärke suggerieren wollen.

📰 Die Medien verstärken dieses Muster, indem sie die Botschaften der Unternehmen unkritisch übernehmen. Die Frage, ob diese plausibel sind, wird leider selten gestellt.

🙋‍♀️ Die Folgen dieser Verschiebung sind weitreichend: Wer glaubt, KI sei für den Stellenabbau verantwortlich, macht Unternehmen zu Opfern des Fortschritts statt zu Entscheidenden. Gleichzeitig kann die Vorstellung, gegen eine Technologie machtlos zu sein, die Mitarbeitenden lähmen. Es schwächt ihre Motivation, die Veränderungen am Arbeitsplatz aktiv mitzugestalten.

🙋‍♀️ Diese und weitere Gedanken verarbeite ich gerade in einem Buch, das voraussichtlich im Frühling 2027 herauskommt. Wer nichts verpassen möchte oder sich für solche Themen interessiert, abonniert sich am besten meinen Newsletter.

Anlass für diesen Post auf LinkedIn ist das tolle Zitat von Cory Doctorow in der SonntagsZeitung von heute (Seite 36). Es passt perfekt zu einem Kapitel, das ich gerade am Schreiben bin.